Wilhelm von Grumbach
Biografie und Grumbachsche Händel
Der fränkische Reichsritter Wilhelm von Grumbach (1503-1567) entstammte dem Geschlecht der → Grumbach, das so großen Einfluss auf die Geschichte der Ritterkapelle Haßfurt hatte. Er war ein Nachkomme von Hans dem Älteren von Grumbach, der die Rimparer Linie begründete. Wilhelms Streit mit dem Würzburger Bischof Melchior Zobel führte zu den sogenannten Grumbachschen Händel, die die Ermordung des Bischofs, einen Ritteraufstand im gesamten Reich und schließlich die Hinrichtung Wilhelms von Grumbach zur Folge hatten.
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Die folgende Darstellung stützt sich hauptsächlich auf Friedrich Ortloffs "Geschichte der Grumbachischen Händel" [70] sowie auf Franz Wegeles Aufsatz "Wilhelm von Grumbach" [71]
Jugend und Heirat
Wilhelm soll in seiner Jugend am Würzburger Hochstift als Kammerherr an der bischöflichen Tafel aufgewartet haben. Einer Erzählung Andreas von Thüngen zufolge soll dort der Abt und Erzmagier Johannes Trithemius aufgrund von Wilhelms Gesichtszügen seine Zukunft vorausgesagt haben: Entweder werde der Jüngling seinem Vaterlande sehr nützlich sein oder durch eine grausame Todesstrafe sein Ende finden.
Wilhelm selbst erwähnte diesen Würzburger Aufenthalt niemals. Nach eigenen Angaben wurde er am Hof des Brandenburger Markgrafen Casimir erzogen. Nach Casimirs Tod 1527 diente er Markgraf Georg, dem Bruder Casimirs. Georg hatte auch die Vormundschaft des 1522 geborenen Sohnes Casimirs, Albrecht Alcibiades, inne.
Im Jahre 1523 verheiratete sich Wilhelm mit Anna von Hutten. Diese Heirat brachte ihm reiche Mitgift sowie die Güter seines Vaters, darunter Schloss Grumbach in Rimpar, ein.
Florian Geyer und der Bauernkrieg
Im Jahre 1525 kämpfte Wilhelm an der Seite Casimirs gegen die Bauern. Sein Schwager Florian Geyer war bekanntlich ein Anführer des sogenannten schwarzen Haufens der aufständischen Bauern. In der Nacht vom 9. zum 10. Juni 1525 soll Florian Geyer im Gefecht mit Wilhelms Truppen nahe Schwäbisch Hall getötet worden sein. Nach anderen, Wilhelm feindlich gesinnten Quellen ließ Wilhelm seinen Schwager heimtückisch im 100 km entfernten Gramschatzer Wald ermorden. Für beide Versionen gibt es letztlich keinen gesicherten Beweis.
Wilhelm im Dienste des Würzburger Bischofs Conrad von Bibra
Wilhelm erlangte am Markgräflichen Hof bald großen Einfluss. 1538 wurde er Amtmann von Cadolzburg. 1540 beriet er den inzwischen volljährigen Albrecht und begleitete ihn zum kaiserlichen Hoflager zu Gent. Dort erreichte ihn die Nachricht vom Tod des Würzburger Bischofs Conrad von Thüngen. Dieser stand mit Wilhelm in Streitigkeiten wegen der Nutzung des Gramschatzer Waldes. Wilhelm kehrte nun nach Würzburg zurück, um Einfluss auf die Wahl des zukünftigen Bischofs zu nehmen. Dank seiner Hilfe konnte sich Conrad von Bibra gegenüber dem eigentlich favorisierten Melchior Zobel von Giebelstadt, damaliger Dekan am Würzburger Dom, durchsetzen.
Nun trat eine merkliche Veränderung im Verhältnis Wilhelms zum Hochstift Würzburg ein. Der Streit um den Gramschatzer Wald wurde beigelegt. Wilhelm erhielt verschiedene Vergünstigungen und wurde 1542 zum Amtmann von Dettelbach und Schwarzach ernannt. 1543 wurde er Hofmarschall am Würzburger Hof. Zusätzlich erhielt er als Gnadengeschenk einen Schuldschein des Landgrafen von Hessen über die hohe Summe von 10.000 Gulden, der vom Landgrafen später beglichen wurde.
Bischof Melchior Zobel von Giebelstadt
Nach seiner Niederlage bei der Wahl zum Bischof verblieb Zobel im Amt des Domdekans. Unzufrieden mit den Zuständen erklärte er am 22. Februar 1543 seinen Rücktritt, ließ sich aber vom Domkapitel zum vorläufigen Verbleiben im Amt überreden. Nachdem Conrad am 8. August 1544 gestorben war, wurde Zobel am 19. August zum neuen Bischof gewählt.
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Laut Wilhelm von Grumbachs eigenen Angaben hatte Zobel vor seiner Wahl Kontakt zu ihm gesucht. Dabei sei vereinbart worden, dass Wilhelm die Wahl Zobels nicht beeinflussen und Zobel im Gegenzug alle Vereinbarungen seines Vorgängers anerkennen solle. Nach seiner Wahl zum Bischof jedoch widerrief Zobel die Schenkung von 10.000 Gulden, da diese unrechtmäßig gewesen sei. Grumbach zahlte 3.000 Gulden zurück, für die Rückzahlung der restlichen 7.000 Gulden wurden Fristen vereinbart.
Wilhelm sucht neuen Rückhalt
Wegen der Verschlechterung seiner Beziehung zum Hochstift versuchte Wilhelm, Dienstmann beim sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen zu werden. In einem Brief schrieb er, er fürchte nach Zobels Wahl zum Bischof dessen Rache. Der Kurfürst lehnte jedoch ab, nicht zuletzt, da er von dritter Seite einige Warnungen vor dem Charakter Wilhelms erhielt.
Gleichzeitig bewarb sich Wilhelm um einen kaiserlichen Schutzbrief, der ihm aufgrund seiner eigenen und seiner Vorfahren Verdienste am 13. Juli 1545 verliehen wurde.
Noch im Jahre 1545 gab er sein Amt als Hofmarschall am Würzburger Hof auf, da er nach seinen Angaben des Bischofs neidisches, undankbares Gemüt vermerkt habe.
Dienste für Markgraf Albrecht Alcibiades im Schmalkaldischen Krieg
Im Schmalkaldischen Krieg (1546-1547) kämpfte der Habsburger Kaiser Karl V. gegen ein Bündnis protestantischer Landesfürsten und Städte. Der Krieg wurde durch den kaiserlichen Sieg in der Schlacht bei Mühlberg 1547 entschieden und endete mit einer Niederlage der Protestanten.
Wilhelm stand in ständigem Kontakt mit Albrecht Alcibiades, der seit 1541 Markgraf von Brandenburg-Kulmbach war. Als sich dieser 1546 in kaiserliche Dienste begab, übernahm Wilhelm die Anwerbung von 3500 Reitern in Norddeutschland. Diese Reiter führte er zu Karl V., der sie in Regensburg erwartete. Auf Bitten Zobels umging Grumbach mit seinen Reitern Würzburg. Als sich nun zu Regensburg eine stattliche Streitmacht um den Kaiser sammelte, wichen die protestantischen Truppen zurück. Als sich die protestantischen Truppen anschließend zurückzogen, befürchtete Zobel erneut einen Truppenzug durch Würzburg. Er wandte sich deshalb wiederum an Grumbach. Dieser veranlasste, dass Würzburg durch Truppen des Kurfürsten Albrecht geschützt wurde.
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Nach dem gewonnenen Krieg erhielt Wilhelm für seine Dienste vom Kaiser bestimmte Einkünfte aus der Stadt Königsberg bei Haßfurt. Der weitere Verlauf ist kompliziert und wird in verschiedenen Quellen unterschiedlich dargestellt: Nach Ortloff [70, S.23] gab Wilhelm Königsberg an Albrecht ab und erhielt dafür die Herrschaft Schwarzenberg. Diese verkaufte er wiederum an Albrecht für 100.000 Gulden. Davon wurden 40.000 Gulden alsbald beglichen, und zwar 26.000 Gulden in bar und 14.000 Gulden durch einen Pfandschilling auf die markgräfliche Stadt Münchberg. Die übrigen 60.000 Gulden sollte Grumbach erhalten, sobald sich die finanzielle Lage des Markgrafen gebessert hatte.
Der Reichstag zu Augsburg
Im Jahre 1547 brachte ein Ausschuss der fränkischen Ritterschaft mit Wilhelm von Grumbach als Wortführer im Reichstag zu Augsburg einen Antrag ein, der sich gegen bestimmte Bestimmungen und Auswirkungen des Ewigen Landfriedens von 1495 sowie gegen die feudalen Rechte der Fürsten richtete: Die Ritter seien unzufrieden mit der Gerichtsbarkeit, fürstliche Räte seien keine unparteiischen Richter, man wolle ein Klagerecht gegen die Fürsten beim Reichskammergericht. Die Fürsten betrachteten die von den Rittern zur Verfügung gestellten Güter als ihre eigenen und behandelten die Ritter dementsprechend. Sie, die Ritter, wollten dem Kaiser unmittelbar und ohne Mittelsmänner unterworfen sein.
Der Kaiser fragte nach konkreten Fällen der Ungerechtigkeit der Fürsten gegen die Ritter, erhielt zur Antwort aber wieder nur allgemeine Anschuldigungen und Forderungen. Die Fürsten, insbesondere Bischof Zobel, rechtfertigten sich u.a. durch die enormen Kosten, die durch die Besoldung der in Diensten stehenden Ritter anfielen. Der Ausgang der ganzen Sache war, dass die Ritter sich mit Versicherungen der Gnade durch den Kaiser zufriedengeben mussten.
Der Reichstag hatte für Wilhelm die unerfreuliche Folge, dass er nun vollständig aus den Diensten des Fürstbischofs entlassen wurde. Er übergab seine Lehen seinem Sohn und trat nun ausschließlich in die Dienste des Markgrafen Albrecht.
Markgraf Albrecht und der Zweite Markgrafenkrieg
Albrecht war hochverschuldet und suchte nach kriegerischer Betätigung, die finanzielle Vorteile versprach. So beteiligte er sich im Jahre 1552 am Aufstand protestantischer Fürsten gegen den Kaiser. Als der Kaiser und die Fürsten Friedensverhandlungen führten, begann Albrecht eigenmächtig den Zweiten Markgrafenkrieg. Seine Ziele waren dabei die Reichsstadt Nürnberg und die Hochstifte Bamberg und Würzburg. Nach Grumbachs eigenen Angaben habe er, Grumbach, von der Fortsetzung des Krieges abgeraten, sich aber dadurch beim Markgrafen verdächtig gemacht und um sein Leben fürchten müssen.
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Albrecht belagerte mit seiner großen Streitmacht zunächst Nürnberg. Es blieb ihm verwehrt, in die gut befestigte Stadt einzudringen, doch verwüstete er die Umgebung Nürnbergs. Das Hochstift Bamberg schickte aus Furcht Vermittler, um den drohenden Krieg abzuwenden. Grumbach handelte folgendes Ergebnis aus: Bamberg musste ein Drittel seines Stiftsgebietes abtreten und 80.000 Gulden an den Markgrafen zahlen. Kurze Zeit später erschien auch der Würzburger Unterhändler. Hier einigten sich die Parteien auf eine Übernahme von 350.000 Gulden Schulden Albrechts durch Würzburg, eine zukünftige Zahlung Würzburgs von weiteren 220.000 Gulden an Albrecht sowie die Begleichung der 60.000 Gulden Schulden Albrechts an Wilhelm Grumbach. Darüber hinaus sollte Grumbach das Kloster Maidbronn und sechs Dörfer im Stiftsgebiet Würzburg erhalten und seine bisherigen Stiftslehen als Eigenbesitz behalten.
Kaiserliche Kassation und Restitution der markgräflichen Verträge
Dieses beträchtliche Vermögen, das Grumbach zu einem der reichsten Ritter in Franken gemacht hätte, war nun aber abhängig von der Legitimierung der Verträge Albrechts. Dieser versuchte, sich die Einigung mit den Hochstiften Bamberg und Würzburg im Passauer Vertrag von 1552 zwischen den protestantischen Fürsten und dem Kaiser bestätigen zu lassen. Doch der Unterhändler des Kaisers verweigerte die Legitimierung, und der Kaiser erklärte die Verträge später förmlich für ungültig. Er kassierte sie und verbot ihre Befolgung. Als dies dem Würzburger Bischof zu Ohren gekommen war, widerrief er sofort die mit Grumbach geschlossenen Verträge und forderte seine an Grumbach übereigneten Güter sowie den Vertragsbrief zurück. Grumbach musste nachgeben.
Währenddessen wollte Markgraf Albrecht seine 10.000 Mann starke Armee dem König von Frankreich zur Verfügung stellen, doch er sah seine Ansprüche nicht befriedigt. Kaiser Karl V., dessen Truppen die von Frankreich besetzte Stadt Metz belagerten, suchte die Unterstützung Albrechts. So kam es zu einer erneuten Annäherung und schließlich am 10. November 1552 zu einem Vertrag, welcher eine vollständige Aussöhnung herstellte, den Markgrafen in kaiserliche Dienste führte, und im dritten Punkte die Verträge mit den Bischöfen von Würzburg und Bamberg ohne alle Widerrede zu vollziehen befahl, dieselben konfirmierte, was dagegen geschehen cassierte und den Markgrafen aus kaiserlicher Machtvollkommenheit restituierte. [70, S. 52, nach Hortleder]
Markgraf Albrecht benachrichtigte vom Feldlager bei Metz Wilhelm Grumbach sowie die übrigen Räte und drang auf eine unverzügliche Umsetzung der Verträge. Die Bischöfe hingegen erwirkten ein Mandat beim Reichskammergericht, welches gewalttätige Schritte durch den Markgrafen mißbilligte und ihn mit der Reichsacht bedrohte.
Nach der vergeblichen Belagerung von Metz kehrte Albrecht, entschlossen, seine Ansprüche notfalls mit Gewalt durchzusetzen, nach Franken zurück. Aber auch die Bischöfe rüsteten sich und schmiedeten ein Schutz- und Trutzbündnis, bestehend aus der Reichsstadt Nürnberg, Herzog Heinrich dem Jüngeren von Braunschweig, dem römischen König Ferdinand und dem Kurfürsten Moritz von Sachsen. Ein letzter Schlichtungsversuch in Heidelberg scheiterte an der kompromisslosen Haltung Albrechts und des Bamberger Bischofs.
Fortsetzung des Markgräflichen Krieges und das Ende des Markgrafen Albrecht
Markgraf Albrecht wandte sich im April 1553 zunächst gegen Bamberg und schickte Grumbach nach Braunschweig, um Truppen anzuwerben und Herzog Heinrich zu beobachten. Nach einem anfänglichen Sieg bei Pommersfelden zog Albrecht mit seinem Heer nach Niederdeutschland. In der Schlacht bei Sievershausen am 9. Juli 1553 wurde Albrecht geschlagen; Kurfürst Moritz von Sachsen, einer seiner Gegner, erlitt dabei eine tödliche Verwundung. Währenddessen verwüsteten Albrechts Gegner seine Erblande und zwangen ihn zur Rückkehr nach Franken. Der Kaiser verhängte über Albrecht die Reichsacht, wie es das Reichskammergericht zuvor gefordert hatte.
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Grumbach befand sich in einer sehr schwierigen Lage: Während er in Braunschweig die Lage seines Dienstherrn Albrecht zu verbessern trachtete, überfiel Bischof Zobel seine Lehensgebiete und zog sie ein. Der Herzog von Braunschweig nahm Besitz von der Hälfte der Güter und setzte eigene Verwalter ein. Diese rechtlich kaum gedeckten Übergriffe hatten die Verarmung der Familie Grumbach zur Folge. Grumbach musste wissen, dass dem Untergang Albrechts sein eigenes Ende folgen müsse und versuchte alles, um Albrecht zu stützen. Doch konnte er die vollständige militärische Niederlage Albrechts nicht verhindern. Albrecht floh zunächst nach Frankreich, kehrte dann nach Pforzheim zu seinem Schwager zurück, wo er im Jahre 1557 starb.
Der Restitutionsprozess und Johann Friedrich II. von Sachsen
Währenddessen versuchte Grumbach im Jahre 1553 in einem Restitutionsprozess vor dem Reichskammergericht seine Güter, die seiner Auffassung nach zu Unrecht konfisziert wurden, zurückzuerhalten. Das Gericht entschied in seinem Sinne. Die drei fränkischen Stände – das sind die Hochstifte Würzburg und Bamberg sowie die Reichsstadt Nürnberg – legten jedoch Verwahrung ein, d.h. sie brachten ihre Nichtanerkennung des Urteils zum Ausdruck. Das Gericht konnte und wollte die Ansprüche Grumbachs nicht durchsetzen. Grumbach, der das Recht auf seiner Seite sah, suchte nun, seine Güter mit Gewalt zurückzuerlangen. Dazu benötigte er neue Unterstützung, die er in der Person von Herzog Johann Friedrich II. von Sachsen, dem Mittleren, fand.
Laut Franz Wegele war Johann Friedrich eine schwache, abergläubische Natur, die Grumbach nach kurzer Zeit vollständig für seine Zwecke benutzen konnte. Nach dem Schmalkaldischen Krieg der Kurfürstenwürde und eines Großteils seiner Güter beraubt, sann Johann Friedrich nach Rache und nach der Wiederherstellung des alten Status. Grumbach soll ihm mit Hilfe des Bauernknaben Hans Müller, genannt Hänsel Tausendschön, Gedanken von großem Reichtum, von Gewölben voller Gold, sich auftuenden Bergwerken und der Wiedererlangung der Kurfürstenwürde oder gar der Kaiserwürde in den Kopf gesetzt haben. [71, S. 429 f.]
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Andererseits war Johann Friedrich regierender Reichsfürst, der seit 1554 als Herzog von Sachsen die Güter seines Vaters verwaltete und viele Beziehungen zu anderen Fürstenhäusern unterhielt. Der Glaube an Alchimisten oder göttliche Offenbarungen war bis ins 18. Jahrhundert weit verbreitet, z.B. war Isaac Newton lange Jahre auf vergeblicher Suche nach dem Stein der Weisen. Johann Friedrich als schwache Marionette Grumbachs darzustellen, wird seiner Person vermutlich nicht gerecht.
Die Ermordung Bischof Zobels
Noch während der Versuche, Johann Friedrich für seine Zwecke zu gewinnen, nahmen die Auseinandersetzungen um die Güter Grumbachs eine dramatische Wende.
Bereits 1557 gab es nach Grumbachs eigenen Angaben einen Entführungsversuch, in dem Bischof Zobel zur Begleichung alter Forderungen und zur Rückgabe der Güter Grumbachs gezwungen werden sollte. Leiter des Entführungsversuchs soll Christoph Kretzer gewesen sein, ein Diener Grumbachs, dessen Schwester eine unbeglichene Forderung von 800 Gulden gegen das Hochstift Würzburg hatte. Kretzer soll mit weiteren sieben Mann versucht haben, Zobel während der Jagd im Guttenberger Wald zu entführen, doch es ergab sich keine Gelegenheit. Ein weiterer vergeblicher Entführungsversuch soll, wieder nach Grumbachs eigenen Angaben, Anfang März 1558 in Würzburg geschehen sein. Diese zwei Entführungsversuche schilderte Grumbach neun Jahre später im peinlichen Verhör, d.h. unter Folter. Die Vernehmer wollten herausfinden, ob Grumbach Auftraggeber des Mordes an Zobel war. Bei der Untersuchung des Wahrheitsgehaltes der Äußerungen Grumbachs muss man mehrere Möglichkeiten in Betracht ziehen:
- Die Entführungsversuche haben im Wesentlichen so stattgefunden. Dafür spricht Grumbachs ausführliche Schilderung der allgemeinen Umstände sowie der beteiligten Personen. Inwieweit dabei der Tod Zobels beabsichtigt oder in Kauf genommen wurde, lässt sich nicht feststellen.
- Die Entführungsversuche haben nicht stattgefunden. Grumbach wollte die Ermordung Zobels, gab aber vor, nur eine Entführung geplant zu haben, und schilderte als Beleg die beiden erfundenen Versuche.
- Die Entführungsversuche haben nicht stattgefunden. Grumbach hatte nichts mit der Ermordung und der geplanten Entführung zu tun, erfand aber die Entführungsversuche, um den unerträglichen Qualen der Folter zu entgehen.
Der dritte Entführungsversuch wurde am 15. April 1558 durchgeführt. Grumbach, der zu dieser Zeit als Oberst in französischen Diensten stand, schickte zwei Rittmeister, Jobst Heinrich von Zedwitz (Christoph von Redwitz nach Franz Wegele) [71, S. 431] und Dietrich Picht, zu Kretzer. Diese drei waren die Leiter des Entführungsversuchs, an dem insgesamt 20 Personen, davon 16 Reiter und vier Fußgänger, beteiligt waren. Bischof Zobel wollte um 10 Uhr mit höchstens zwölf Mann Geleit über die Mainbrücke auf das Schloss Frauenberg zum Morgenmahl reiten. Nach der Anzeige des Domkapitels näherten sich plötzlich zwölf bis 15 Reiter, zogen verborgene Schusswaffen hervor, eröffneten das Feuer auf den Bischof und seine Begleiter und ergriffen die Flucht. Nach anderen Berichten sollen sich die Täter als Kaufleute verkleidet und freundlich dem Bischof genähert und dann unter den Rufen schieß todt, schieß todt, laß keinen leben das Feuer auf die Gruppe eröffnet haben.
Peter Weigel, einer der Männer unter der Führung Kretzers, gab später Folgendes an: Als sich der Bischof dem Wirtshaus genähert habe, in dem die Entführer warteten, sei das Gesinde Zedwitz’ auf den Bischof zugegangen und habe – aufgrund eines Missverständnisses – zu schießen begonnen. Danach hätten alle Entführer geschossen. Dabei sei der Bischof tödlich getroffen worden.
Grumbach hingegen gab an, die 4 Fußgänger hätten den Bischof binden sollen, dieser sei in dem folgenden Gedränge nach der Stadt geflüchtet und anschließend von Kretzer tödlich getroffen worden.
Mit Bischof Zobel starben seine Begleiter Fuchs von Winfurt und Carl von Wenkheim. Die Täter konnten zunächst allesamt im Tumult entfliehen.
Wird fortgesetzt ...
Der Engelseher Hans Müller, genannt Hänsel Tausendschön
Hans Müller war ein etwa 1549 geborener Bauernsohn aus Sundhausen bei Gotha, der Engelsgesichte (Visionen von Engeln) hatte. Sundhausen ist heute eine Gemeinde von etwa 350 Einwohnern. Der Ort erlangte 2020 einige Bekanntheit, als sein parteiloser Bürgermeister, Christoph Kindervater, bei der sog. Kemmerichwahl der Kandidat der AFD für das Ministerpräsidentenamt in Thüringen war.
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Die Historiker sind sich bei der Bewertung der Person Hans Müllers und seiner Beziehung zu Grumbach nicht einig: Franz Wegele bezeichnet ihn als betrogenen Betrüger [71, S. 430], den Grumbach aus kaltem Kalkül benutzt habe, um Johann Friedrich seinen Willen aufzudrängen. Ortloff hingegen berichtet wesentlich ausführlicher und quellenorientierter über zunächst vorhandenes Misstrauen Grumbachs und Johann Friedrichs, das sich erst nach der Anhörung gelehrter Personen in Vertrauen gewandelt habe.
Dr. Justus Jonas, später in die Grumbachschen Händel verwickelt, gab 1567 an, was er über diese Gesichte von Hans selbst, von dessen Vater und von Moritz Hausner, dem vertrautesten Diener Grumbachs, gehört hatte.
Erste Engelsgesichte
Hans war der Sohn gottesfürchtiger Eltern, die ihre Kinder zur Arbeit anhielten. Hans war albern, einfältig und des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Im Alter von etwa zehn Jahren sah er erstmals kleine Kinder in aschgrauen Gewändern und schwarzen Hüten, die tagsüber Stöcke, nachts Kerzen in der Hand trugen. Sie lobten Gott. Hans sah diese Engel auch in Gegenwart anderer Personen, denen die Engel stets verborgen blieben.
Sein Vater fürchtete sich vor den Engeln, die er für Gespenster hielt, und verbot Hans, davon zu reden. Als er Hans deswegen schlug, sah dieser plötzlich kleine Teufel mit Eulenfüßen, so dass der Vater ganz bestürzt wurde. Seitdem durfte Hans von den Engeln reden, ohne Strafe befürchten zu müssen, wenn er nur nicht wieder von den Teufeln anfing.
Einmal sprachen die Engel von einem Pferd, das sterben werde, wenn es nicht verkauft werde. Der Vater behielt das Pferd, das darauf starb. Ein anderes Mal war der Junge drei Tage unauffindbar. Er erzählte anschließend, die Engel hätten ihn in ein unterirdisches Lager geführt, in dem die Gerechten von den Verdammten geschieden wurden.
Der Engelseher wird Grumbachs Diener
Die Geschichten über den Engelseher kamen Moritz Hausner, dem Diener Grumbachs, zu Ohren. Er brachte den Engelseher mit seinem Vater zu Herzog Johann Friedrich II. Als Hans die Bilder der Vorfahren des Herzogs an der Wand hängen sah, erkannte er in ihnen die Gerechten in dem unterirdischen Lager wieder, wohin ihn die Engel geführt hatten. Darauf wurde er von Grumbach in seine Dienerschaft aufgenommen, und Hausner erhielt vom Herzog die Weisung, alle Äußerungen des Knaben aufzuzeichnen.
Fortan hatte der Engelseher nahezu täglichen Umgang mit den Engeln. Die Engel erschienen zu allen Tageszeiten an allen Orten: einmal auf dem Markte zu Coburg, einmal schwebend in der Luft oder zu Pferde. Meist kamen sie zu viert, manchmal aber auch weniger oder mehr. In bewegten Zeiten, etwa bei der Belagerung von Gotha, wurde er täglich zu den Engeln und ihren Aussprüchen befragt. Die Fragesteller erhofften sich dadurch eine ständige Verbindung zu Gott, dessen Willen die Engel kundtun sollten. Ortloff führt aus:
Es liegt der Gedanke nahe, daß der Engelseher im Laufe der Zeit zu der Einbildung gekommen sein mochte, daß die ihm abgefragten Aussprüche, auch ohne Visionen, auf Eingebung der Engel beruhten. Unterließ er manchmal die Beantwortung von Fragen, wehrte er zuweilen die weitere Beantwortung oft wiederkehrender Fragen ab, so scheint sich darin eine zeitweilige Verlegenheit und ein übler Eindruck, den die Zudringlichkeit der Fragenden ihm bereitete, abzuspiegeln. [70, S. 279 f.]
Die Fragen an die Engel hatten mit der Zeit immer mehr den Charakter offizieller Dokumente. Sie begannen mit Dank für die bisherigen Dienste und der Bitte, die folgenden Fragen zu beantworten. Danach folgten die eigentlichen Fragen, meist ein vollgeschriebenes Blatt. Am Ende werden gewöhnlich der Herzog und andere Personen Gottes Gnade empfohlen. Die Fragen wurden meist von Hausner vorgelegt, die Antworten wurden schriftlich festgehalten. Manchmal wurden Duplikate für den Herzog angefertigt. Viele Niederschriften sind erhalten.
Die Antworten des Engelsehers betrafen die Fragen, enthielten aber auch unaufgefordert Prophezeiungen und göttliche Verheißungen, welche Hoffnungen erregten, die nicht in Erfüllung gingen. Die Prophezeiungen handelten von Pferden, Schätzen in Gewölben und Bergwerken, die sich öffnen sollten. Der Engelseher sagte an, was zu tun sei, damit die Verheißungen Wirklichkeit würden. Dabei bedachte er auch sich selbst, etwa durch die Aufforderung, ihm neue Kleider zu geben. Im Widerspruch zu seiner äußerlichen Naivität zeugen die Aussprüche und Ansagen des Engelsehers von guter Kenntnis der waltenden Verhältnisse am Hofe, von Umsicht und von Schlauheit. Seinem eigenen Aber- und Wunderglauben entsprach der Glaube Grumbachs und des Herzogs.
Zweifel gab es nicht an den Engelsgesichten an sich, sondern ob es gute Engel oder Teufel wären. Die bisherigen Fragen wurden daher verknüpft mit Fragen zu Jesus Christus und zur Heiligen Kommunion, die der Engelseher gewöhnlich mit solch schönen Worten beantwortete, dass niemand an der Gutartigkeit der Engel zweifeln konnte. Der Herzog befragte schließlich noch etliche gelehrte und gottesfürchtige Leute über den Engelseher und seine Gesichte. Diese Leute zitierten ihm den Propheten Joel(2.28):
... und eure Jünglinge werden Gesichte sehen und eure Ältesten werden Träume träumen, und ich will Wunder thun hiernieden auf Erden ...
Der Herzog sah sich durch diese Worte der gelehrten Männer in seinem schon vorher vorhandenen Glauben derart bestätigt, dass er sich fortan, auch in äußerster Lebensgefahr, ausschließlich auf die Aussprüche der Engel verließ. Als ihm einmal ein Leiden sein Herz bedrückte und seine Beine anschwellen ließ, riet der Engelseher, die Medizin der Ärzte zu verschmähen und auf die Genesung zu warten, die zu festgelegter Stunde erfolgen sollte. Als dies tatsächlich eingetroffen war, waren für den Herzog auch die letzten Zweifel verflogen. Er zog von nun an den Engelseher zu allen wichtigen Entscheidungen heran.
Wird fortgesetzt ...
